what if ... !?

  • Intimität
  • Turmbau zu Babel
  • schlimmste Formen der Liebe
  • geschätztes Unbekanntes
  • Spitzbergen

Intimität

Von seiner Position aus konnte Herr Zimmermann vier Dinge wahrnehmen.

Da war zunächst das monotone Klacken der Standuhr, welches zu ihm herüberhallte. Bei der Uhr handelte es sich um ein Möbelstück aus stabilem dunklem Holz, das schon einige Jahre auf dem Buckel hatte, aber im Gegensatz zu seinem Besitzer erledigte es seine Aufgaben immer noch tadellos. Es war ein Geschenk von Herrn Zimmermanns bestem Freund gewesen. Zumindest war er damals ein Freund gewesen, doch leider hielten Freundschaften meist nicht ewig. Schade war bloß, dass sich Herr Zimmermann gar nicht mehr an den Namen des Freundes erinnern konnte.

Direkt vor ihm befand sich der Küchenschrank, mit zwei Glastüren bestückt, die beim Beben aufgesprungen waren. Eine der vielen Figuren auf den Regalen war heruntergefallen. Nun lag sie am Boden, und Herr Zimmermann konnte sie genauestens inspizieren. Seine verstorbene Frau hatte unzählige Figuren gesammelt, und diese hier war eine ihrer liebsten gewesen, ein kleines graues Mäuschen, das im Ballettkleidchen ein wenig verloren wirkte. Bei seinem Anblick dachte Herr Zimmermann an seine Frau und wie sie ständig die Regale gewischt hatte. Irgendwie ließ ihn die Erinnerung an die schlimme Krankheit seiner Frau erschaudern.

Aus dem Ofen drang ein aggressiver Geruch, und Herr Zimmermann konnte das verkohlte Brot beinahe schmecken. Er hatte es mit Wurst und Ei belegt, so wie es auch seine Schwester stets tat. Die beiden Geschwister hatten viele Gemeinsamkeiten, was durchaus Sinn ergab, da sie Zwillinge waren. Auch ihre Talente waren sehr ähnlich. So hatten sie in ihrer Kindheit beide ein Musikinstrument erlernt. Zusammen waren sie stundenlang auf der Veranda gesessen und hatten ihre blechernen Werkzeuge bearbeitet. Das letzte Mal hatten sich Herr Zimmermann und seine Schwester vor elf Jahren umarmt. Bei dem Streit um das Erbe waren Worte gefallen, die geschmerzt hatten.

Rau und kratzig fühlte sich der Umhängegurt des alten Rucksacks an. Als wäre er ein Rettungsanker in einem Bäume verschlingenden Sturm, so fest hatten sich Herr Zimmermanns faltige Finger um das Stückchen Stoff gekrallt. Früher hatte ihn sein Sohn auf Wanderausflügen getragen. Eine übertrieben grinsende Sonne war auf eines der Fächer gestickt worden. Nun gab es keine Ausflüge mehr. Vermutlich ging Herr Zimmermanns Sohn mittlerweile mit seinem eigenen Sohn wandern. Was für eine seltsame Bestrafung, den Enkelsohn nicht treffen zu dürfen, nur weil ein paar abfällige Äußerungen über Menschen anderer Hautfarbe gefallen waren.

Herr Zimmermann wusste, dass er sterben würde, wenn er keine Hilfe bekam. Hätte er sich doch nur bei seinem alten Freund entschuldigt, sich besser um seine kranke Frau gekümmert, mit seiner talentierten Schwester einen gemeinsamen Weg gefunden, alle Vorlieben seines aufgeschlossenen Sohnes akzeptiert. Vielleicht wäre dann einer dieser Menschen noch hier, um ihm nach diesem fatalen Sturz zu helfen.


Turmbau zu Babel

Mein Name ist Leonie, und ich habe Höhenangst. Nicht nur ein bisschen, sondern das volle Programm. Es macht keinen Unterschied, ob ich beispielsweise an einem Seil über einem bodenlosen Abgrund baumle oder in vermeintlicher Sicherheit hinter einer Glaswand auf einer Aussichtsplattform stehe. Mir wird sofort schwindelig, mein Herz klopft wie verrückt, und manchmal drohe ich sogar in Ohnmacht zu fallen. Natürlich gibt es auch eine Therapie gegen diese Angststörung. So ist mir geraten worden, einen sicheren Ort wie meinen eigenen Balkon aufzusuchen und dort in unregelmäßigen Abständen nach unten zu blicken. Aber auch diese einfachen Situationen sind bei mir mit einem Haufen Stress verbunden, also stellt sich mir eine Frage der Bequemlichkeit. Will ich meine Angst denn überhaupt bekämpfen?

Dieses Problem besteht nicht von meiner Geburt an. Als kleines Mädchen habe ich die steilsten Wände erklommen und mich auf die schiefsten Bäume geschwungen. Vielleicht hat es irgendeinen Vorfall gegeben, bei dem ich eine Art Schock erlitten habe. Meine Eltern beteuern jedoch, dass mir nichts Derartiges widerfahren sei. Möglicherweise hat sich die Angst ohne jeden Grund manifestiert. Bin ich also dazu gezwungen, sie zu bekämpfen?

Es ist wie nach einer Trennung von einer geliebten Person. Wenn es das Glück gestattet, bei der ersten Beziehung schon einen Hauptgewinn zu ziehen, so wie bei mir, dann erscheinen alle anderen Partnerschaften wie Notlösungen. Es entsteht ein bestimmtes Gedankenkonstrukt, das vorgaukelt, niemand sonst auf der Welt könne auf diese Weise lieben. Gemeinsam wird eine surreale Festung der Zweisamkeit erbaut. Doch dann läuft trotzdem – oder gerade deshalb – etwas schief, und es folgt ein Fall aus allen Wolken.

Wie viele Ratgeber habe ich durchgeblättert, wie viele Websites durchkämmt, nach der Antwort auf die eine Frage; ›wieso‹? Noch nie habe ich irgendeine Form der Abhängigkeit erlebt, aber nach dieser Trennung habe ich am eigenen Leib erfahren, wozu emotionaler Entzug tatsächlich fähig ist. Ich habe so gut wie gar nicht geschlafen, habe fast keine Nahrung zu mir genommen, bin mit Fieber im Kreis gelaufen, und die Gedanken im Kopf haben keine Ruhe gefunden. Ich bin verwirrt gewesen, habe den Weg nach Hause einfach nicht gefunden. Tage sind vergangen, dann Wochen. Es ist besser geworden. Mit kleinen Schritten nur, aber jeder einzelne ist ein Erfolg.

Ich bin nicht zerbrochen. Schließlich bin ich wieder die Frau geworden, die ich vor der Trennung gewesen bin. Nein, ich bin sogar daran gewachsen. Noch nie hat es sich so gut angefühlt, in diesem Körper voller Schwächen und Ängste zu stecken. Meine Heimat ist also in mir. Aber solange ich keine neue Beziehung eingehe, oder es zumindest versuche, wird der Schmerz nicht gänzlich verschwinden.

Es ist wie mit der Höhenangst. Man kann darauf warten, dass sie verschwindet. Oder man geht auf den Balkon und holt tief Luft.


schlimmste Formen der Liebe

Sie blickte ihren schlafenden Verlobten an und lächelte wehmütig. Während sie nach den Kerzen griff, die farblich sortiert in Kunststoff verpackt waren, dachte sie an die Worte der anderen. ›Wie glücklich die beiden doch sind; ein perfektes Paar, wenn man das so sagen kann!‹

Langsam führte sie ein Streichholz zur Schachtel und ließ es mit einem Ruck über die raue Oberfläche schnellen. Obwohl das Geräusch den Raum wie ein donnernder Kanonenschuss erfüllte, rührte sich ihr Verlobter nicht. Er war schon längst in einem Zustand glücksseligen Schlafes gefangen. Als sie die Kerze entzündete, schloss sie die Augen – ein bisschen länger als für die Dauer eines gewöhnlichen Blinzelns vielleicht.

Schlagartig kam ihr die Erinnerung an ihren Kollegen wieder, mit dem sie vor einigen Wochen bei untergehender Sonne auf der Treppe gesessen hatte. Seine zarten Finger hatten ihre Hand umschlossen gehalten, und seine Berührung hatte ihr Energie gespendet. Obwohl er es nicht ausgesprochen hatte, wusste sie genau, was er hatte sagen wollen. Als wäre er die einzige Person, die ihre Sorgen verstand. Doch das war zu wenig.

›Wie kann es sein, dass eine selbstbewusste und starke Frau wie sie so abhängig ist? Ich bin mir sicher, dass ich diesen Blick schon tausende Male gesehen habe. Wie viele Lügen hat er diesmal erzählt; wie oft hat er die Grenze übertreten? Ist da etwas Echtes hinter seiner Maske; etwas Wahres, von dem wir nichts wissen; ein bisschen Glaube, für den es sich zu zweifeln lohnt? Gefangen in der Vergangenheit, als wäre sie ein Museum, in der Bilder einer perfekten Beziehung hängen, längst vertaubt und kaum beachtet. Vielleicht wird sie eines Tages aufwachen und es wissen. Vielleicht wird sie sich entscheiden und daran wachsen. Vielleicht wird sie ihren Kummer beenden und gehen. Wir leben in einer Welt, in der sich Menschen auf alles einlassen, bloß damit sie irgendetwas besitzen. Und so kommen wir vom Weg ab, der uns zu unserer wahren Bestimmung führt. Aber es gibt Hoffnung, natürlich. Hast du noch genug Kraft, dafür zu kämpfen, Rosa?‹

Entschlossen öffnete sie die Augen und stellte die Kerze auf den Platz, den sie so sorgsam ausgesucht hatte. Dann setzte sie sich neben ihren schlafenden Verlobten und lehnte sich zurück. Ein perfektes Paar, wenn man das so sagen kann? Also werden sie sich bloß an unser Lächeln erinnern, weil das alles ist, was sie je erlebt haben. Als dummen Unfall werden sie es abstempeln, wo die Stoffvorhänge doch so leicht entflammbar sind. Lange sind sie schon vertrocknet, wenn sie uns dann schließlich finden – unsere Tränen, in denen wir ertrunken sind.


geschätztes Unbekanntes

Natasha hatte in ihrem Leben noch kein einziges Mal Angst vor der Dunkelheit verspürt. Im Gegenteil; vollkommene Finsternis war sogar befreiend. Keine Bilder, die seltsame Formen annehmen und verrückt spielen. Nur Schwärze, sonst nichts.

An diesem Tag allerdings hätte sich Natasha am liebsten eine Glühbirne auf die Stirn gebunden. Warum hatte sie auch diesen Weg durch das Wäldchen einschlagen müssen? Bloß um zehn Minuten früher zuhause zu sein und den grölenden Säufern am Bahnhofsgelände zu entgehen. Ein ziemlich großes Risiko für so eine kleine Abkürzung.

Die Taschenlampenfunktion auf Natashas Smartphone war keine große Hilfe. Da war zwar ein einigermaßen heller Lichtkegel, der die Schatten durchschnitt, doch der Nebel griff von allen Seiten nach ihr. Unter ihren Schuhen knackten Zweige, und trockene Blätter raschelten bei jeder Bewegung. Irgendwo machte sich ein Waldkauz mit einem aufgeregten Schrei bemerkbar.

Plötzlich stolperte Natasha. Beinahe wäre sie gestürzt, konnte sich jedoch im letzten Moment noch an einem dicken Stamm abfedern. Sie wusste, dass es keine gute Idee war, sich umzudrehen. Andererseits wollte sie wissen, worüber sie gestolpert war. Wie groß war schon die Wahrscheinlichkeit, dass da etwas Unheimliches lag? Vermutlich gleich Null. Aber es war kein Baumstumpf, es war auch keine Wurzel, und es war kein Felsen. Sondern eine Leiche.

Ob der Körper tatsächlich leblos war, konnte Natasha nicht sagen. Allerdings war er nackt und mit Erde beschmiert. Als der Lichtstrahl des Smartphones auf ihn fiel, stach das Rot zwischen all den anderen tristen Farben deutlich heraus.

Es dauerte eine Weile, bis sich Natasha wieder bewegen konnte. Dann schaltete sie die Taschenlampenfunktion aus, drehte sich um und begann zu laufen. Sie rannte durch die Dunkelheit. Wie schön es doch war, so wenig sehen zu können. Weniger Gelegenheiten für das Gehirn, hinter jedem Baum einen Mörder zu vermuten.

Drei Minuten brauchte Natasha, bis sie aus dem Wäldchen fand. Aber es hatte sich wie eine Ewigkeit angefühlt. Sie spürte die Hormone in ihrem Körper herumwirbeln. Als wäre sie genüsslich ihre tägliche Morgenstrecke gelaufen. Doch der Schweiß auf ihrer Haut kam nicht von Anstrengung, sondern war aus purer Furcht geboren worden.

In ihrer Wohnung angekommen, entledigte sie sich ihrer Schuhe und ihres Mantels. Sie stellte ihre Tasche ab und schlurfte in die Küche. Selbst als ihr Verlobter sie begrüßte, sagte Natasha kein Wort. Nachdem sie ein Glas Wasser geleert hatte, stellte sie sich unter die Dusche und verließ das Bad erst nach eineinhalb Stunden wieder. Unter dem Vorwand, dass sie starke Menstruationsschmerzen hätte, legte sie sich gleich ins Bett.

Natashas Verlobter war bereits vor langer Zeit neben ihr eingeschlafen, doch sie starrte noch mit offenen Augen in die Finsternis. Da war sie wieder, rein und vollkommen. Sie würde dieses Geheimnis mit ihr teilen. Wie eine gute alte Freundin.


Spitzbergen

Es ist schon spät. Die meisten Gäste sind längst verschwunden, nur der Stammtisch ist noch besetzt. Zwölf vertraute Stimmen prasseln auf mich ein.

»Kein großes Ding, Hanns!«

»Das wird schon wieder!«

»Hat nichts zu bedeuten!«

»Bald ist es vergessen!«

Alles dreht sich. Nicht wegen des Alkohols, sondern weil ich Schuldgefühle habe. Dazu gesellen sich merkwürdige Bauchschmerzen, vermutlich aus demselben Grund.

»Lass den Kopf nicht hängen!«

»Immerhin habt ihr so viel zusammen durchgemacht!«

»Wegen so einer Kleinigkeit gleich aufzugeben!«

»Da passiert schon nichts!«

Natürlich meinen es meine Freunde nur gut mit mir, aber ihre Worte erreichen mich kaum. In dieser Situation gibt es nichts zu beschönigen. Nichts, was sie sagen, kann mich aufmuntern.

»Es war nur ein einziges Mal!«

»Du warst wütend auf deinen Vater!«

»Und dann noch die finanzielle Lage!«

»Hanns, eigentlich bist du der beste Ehemann von allen!«

Ich werfe einen Blick auf die Uhr und stehe auf. Ein gezwungenes Lächeln erscheint auf meinen Lippen. Dann verabschiede ich mich.

 

Auf der Fahrt nach Hause schießen mir tausend Gedanken durch den Kopf. Trotzdem zwinge ich mich, mich auf die Straße zu konzentrieren. Der verführerisch glitzernde Neuschnee ist noch unangetastet. Was nicht von den Laternen angestrahlt wird, verliert sich in der Dunkelheit. Obwohl die Heizung aufgedreht ist, beginne ich zu zittern. Ich fühle mich wie ein Mann in Spitzbergen – isoliert in der Einsamkeit. Überall nur Finsternis und Kälte, die meinen Körper plagen. Trotz der Tatsache, dass ich nicht der einzige Einwohner in diesem Kaff bin, fühlt es sich so an, als hätte mich jeder im Stich gelassen. Zwar besitze ich mein Haus, meinen Beruf, meine Freunde, doch all das rückt in weite Ferne. Wichtig ist nur eine einzige Person. Und diese Person habe ich geschlagen. Ein einziges Mal nur. Aber geschehen ist geschehen. Man kann es nicht rückgängig machen. Es ist in die Geschichtsbücher eingegangen. Ein Satz in der Chronik meines Lebens, der nicht gelöscht werden kann. Ich leide darunter.

Als ich abbiege, kann ich mein Zuhause erkennen. Im oberen Stockwerk brennt Licht. Die hellen Fenster sind wie leuchtende Sterne am schwarzen Himmel. Meine Frau ist also wieder heimgekehrt. Hoffentlich wartet sie auf mich, damit ich mich bei ihr entschuldigen kann. Aber vielleicht hat sie in Gedanken die Beziehung mit mir bereits beendet und packt ihre Sachen. Das würde bedeuten, dass ich sie verliere, und zwar für immer. Dieser Gedanke tötet mich. Und doch, wir haben so viel gemeinsam durchgemacht. Glück. Pech. Freude. Trauer. Nichts könnte uns auseinanderreißen, so haben wir es der Welt stets verkündet. Ein unzertrennliches Paar, inmitten dieses Chaos. Was macht da schon ein einziger Fehltritt? So unbedeutend wie das Wispern des eisigen Windes in dunkler Nacht.

Ich denke, dass sie mir verzeiht. Aber ich kann es nicht mit Sicherheit sagen.